Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße – Schlange Kiezblock 1.0

Die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, bekannter als die „Schlange“, hat in Teilen ein ziemlich schlechtes Image. Wobei. Was genau das schlechte Image hat, ist eigentlich ziemlich diffus. Das Wohngebäude? Oder eher der „Schlangenbader Tunnel“. Letzteres ist so schlecht, dass es tatsächlich Aktivisten in der Stadt gibt, die ihn abreißen wollen – und das Wohngebäude darüber gleich mit? Als „Fanal der autogerechten Stadt“ wird der Komplex bezeichnet und ist dort ziemlich negativ aufgeladen. Er wird auf die Verkehrsfunktion reduziert und kommt so gar nicht gut weg. Dass dort das Zuhause von rund 3.000 Menschen in 1.752 Wohnungen ist, die möglicherweise in einer Diskussion über Gut und Böse auch ein Wörtchen mitzureden haben; dass es Nachbarn neben und um „die Schlange“ herum gibt, für die dasselbe gilt? Es ist viel Unsinn über dieses Gebäude im Umlauf. Zeit, mal etwas aufzuräumen. Zeit auch, die Angelegenheit etwas differenzierter zu betrachten. Dass die Autobahnüberbauung ein „Fanal der autogerechten Stadt“ sei, ist – sachlich gesehen – Unfug. Dazu zurück zum Anfang.

Am Anfang war Verkehr

Hierfür muss man sich erst einmal zurück zum Beginn der 70er beamen und schauen, wie die Situation der Stadt, die Wohn- und Verkehrssituation war. Ohne Verklärung der Vergangenheit! Die eingemauerte Stadt brauchte Wohnraum, weshalb unter anderem Mehrfachnutzung von Verkehrsflächen eine der diskutierten Lösungen war. Auf der anderen Seite wuchs der Verkehr. Dass der Breitenbachplatz schon seit seiner Gestaltung alles andere als ein beschaulicher Stadtplatz war, sondern von Anfang an als Verkehrsknotenpunkt konzipiert war, auch so genutzt wurde und im Übrigen bereits von einer Durchgangsstraße zerschnitten war, kann man hier nachlesen. Der Verkehr wuchs rasant und wurde nicht nur für die Menschen im Verkehr, sondern auch für die Anwohnenden zu einem echten Problem. Die heute so beschauliche Binger Straße war eingestuft als „übergeordnete Hauptverkehrsstraße“, im Raum eine der meist genutzten Verkehrsachsen in Nord-Süd-Richtung. (Ebenfalls massiv betroffen damals auch die Laubacher Straße) Damals noch so gestaltet, dass beide Richtungen sich gut begegnen konnten, brauchte man von der Mecklenburgischen Straße bis zum Breitenbachplatz wegen des Verkehrs für 600 Meter eine Viertelstunde. Lärm und Feinstaub gratis, Unfälle inklusive.

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Die A104 eine offene, hoch geführte Autobahn mitten durch den Kiez

Geplant war eine offene, auf einem Damm geführte Autobahn, wie es u.a. die A103 heute noch ist. Das Titelfoto (wie auch die folgenden beiden Grafiken mit freundlicher Genehmigung aus der historischen Präsentationsmappe der Architekten Krebs/Krebs/Heinrichs) zeigt das Gelände, auf der die spätere Autobahnüberbauung stand. Der Wall für die Autobahn ist bereits aufgeschüttet. Nach den ursprünglichen Plänen von Mosch/Heinrichs sollte auf beiden Seiten des Autobahnwalls Wohnbebauung bis an den Damm heran erichtet werden. Als Lärmschutz sollte genügen, die Häuser mit der Rückseite an diesen zu setzen. DAS wäre der Zustand gewesen ohne Autobahnüberbauung und den durch sie umschlossenen Tunnel!

Der ziemlich beschauliche Kiez wäre durch diese Straßenführung zerrissen worden. Die Nachbarschaft wäre Lärm und Feinstaub durch die Autobahn ziemlich ungehindert ausgesetzt gewesen. Die Idee einer Autobahnüberbauung diente nicht nur der Mehrfachnutzung des Straßenraums. Die Ziele waren sehr modern: Auf Basis einer als gegeben vorausgesetzten Verkehrsbelastung sollte dem bei offener Führung der Autobahn zwangsläufig entstehenden Lärm und der Belastung der Anwohnenden entgegengewirkt werden. Man wollte den Charakter des Kiezes, der durch die Verkehrssituation bis dahin schon erheblich belastet war, als Anwohnerkiez wiederherstellen beziehungsweise erhalten. Wie gravierend diese Unterschiede in der Belastung mit und ohne diese Bebauung sind, zeigen die Grafiken.

Lärmemissionen auf die Nachbarschaft ohne Randbebauung (oben) und mit ursprünglich geplanter Wohnbebauung (unten) ©Krebs
Lärmemissionen auf die Nachbarschaft mit der Wohnbebauung ©Krebs

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Kiezblock 1.0

Ist das ein Fanal der autogerechten Stadt?

Was die Autobahnüberbauung samt der auch als Schall- und Sichtschutz errichteten Randbebauung hier leisten wollte und leistet ist ein Ziel und Gedanke, der heute unter dem Kiezblock-Konzept läuft: Ein Anwohnerkiez weitgehend ohne Durchgangsverkehr. Davon, den nicht oder schlecht vermeidbaren Durchgangsverkehr am liebsten ganz wegzusperren, träumen viele. Auch aktuell in Berlin, wenn es um die Deckelung der Autobahn an verschiedenen Abschnitten geht. Nur lassen sich solche Bauten schlecht im Bestand einer viel befahrenen Straße realisieren. Hier hat man damals den Bau der A104 im Status des Bildes als Hochdamm gestoppt und beides, Verkehrsstraße und Wohnbebauung gleichzeitig realisiert. Das ist etwas, was übrigens unter anderem beim Weiterbau der A100 versäumt wurde.

Unabhängig von einer Gestaltung, die gefallen kann oder nicht, und unabhängig von den Kosten haben wir es stadtplanerisch also mit einem äußerst menschengerechten Gebäudekomplex zu tun! Dafür, dass es am südlichen Tunnelausgang hinter den Brücken keine gute Lösung gab beziehungsweise diese nicht realisiert wurde, kann die Autobahnüberbauung nichts. Die Alternative zur Autobahnüberbauung und zum Tunnel, wäre nicht, keine Autobahn gewesen! Diese wäre sowieso gebaut worden! Die Alternative zur Autobahnüberbauung wäre ein offenr Autobahndamm gewesen. Und der Verkehr ist nicht erst durch die Autobahnüberbauung gekommen, er war, zumindest ein Großteil davon, vorher schon da.

Tatsache ist, dass erst durch die Autobahnüberbauung vieles realisiert werden konnte, was den Anwohnenden zu Gute kam. Die Binger Straße wurde am südlichen Ende hin zum Breitenbachplatz zur Sackgasse, um jeden Durchgangsverkehr zu unterbinden. Man hat innenliegend damals Radwege genannte Fahrradstreifen installiert, die – selbst ohne Wurzeln -heutigen Vorstellungen von Radwegen nicht genügen weil zu schmal, aber davon zeugen, dass man durchaus auch vom Auto weg gedacht hat. Insgesamt ist der ganze Kiez beruhigt worden. Die Brücke am Breitenbachplatz gewann von Anfang an keinen Schönheitspreis. Aber sie hat ebenerdig Verkehr weggeholt und den Platz sicherer gemacht.

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Die Schlange als Wohnkiez menschengerecht

Mit ihren rund 3.000 Einwohnern, von denen drei Viertel im Sozialen Wohnungsbau leben, weit überwiegend mit großen Balkonen oder Terrasse, ist die Schlange ein eigener, gar nicht mal so kleiner Wohnkiez. Dieser Aspekt findet meist in der Diskussion gar nicht statt. Diese Menschen gehören überproportional zu verschiedenen vulnerablen Gruppen, wozu Aufgrund Alter und / oder Behinderung Mobilitätseinschränkung gehört. Dies liegt einerseits daran, dass nicht wenige Bewohner mit der Schlange alt geworden sind. Es hat aber auch etwas damit zu tun, dass die Architekten hier schon in den 70ern einen sehr hohen Anteil zumindest bedingt barrierefreien Wohnraum mit stufenlosem Zugang realisiert haben. Das gilt auch für die zugehörigen Gewerbeflächen. Die Schlange ist aber auch Zuhause für viele Familien, deren Kinder viel Spielraum auf den – auch unter Denkmalschutz stehenden – Spielflächen findet: Die Schlange heißt auch Gartendenkmal! 40.000 qm Grünanlage mit 20.000 qm Spielfläche.

Auch das passt alles nicht ins Bild eines Komplexes, den man insgesamt als „autogerecht“ framen und dem man den Begriff „menschengerecht“ absprechen will.

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Menschengerechtes Wohnumfeld?

Zu einem menschengerechten Wohnumfeld gehört auch die Verkehrssituation. Diese hat sich für die Anwohnenden in und um die Schlange herum deutlich verschlechtert, seit der Durchgangsverkehr mit der Schließung des Tunnels in den Kiez drängt. Besonders gefährlich ist das für Kinder auf dem Weg zu Kita, Schule und zum Spielplatz. Gefährlich ist es aber auch für mobilitätseingeschränkte Menschen. Diese haben ohnehin schon damit zu kämpfen, dass viele Wege nicht barrierefrei sind, weil unter anderem abgesenkte Bordsteine fehlen und die Gehwege in schlechtem Zustand sind. Der durch die Schließung in Gang gekommene Verdrängungswettbewerb führt ganz besonders im Umfeld der Schlange dazu, dass Rad- und E-Scooter-Fahrende auf die Gehwege drängen, für Unsicherheit, Stress, Angst sorgen. Familien mit Kinderwagen, Rollator- und Rollstuhlnutzende sind zudem mit Problemen im ÖPNV konfrontiert. Es wäre viel gewonnen, wenn diese Aspekte wenigstens eine Rolle spielen würden in der Diskussion. Wie es überhaupt endlich angebracht wäre, das Thema Stadtentwicklung im Kiez nicht über die Köpfe der Anwohnenden, sondern mit ihnen anzugehen.

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Bildquellen: Titelbild und Grafiken ©Krebs

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